Bei unseren Reisevorbereitungen hatte die Fahrt von Tendō/Yamagata nach Niigata auf den Karten irgendwie sehr einfach ausgesehen. Es ist ja mit ca. 160 km Entfernung überhaupt nicht weit. Aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Fazit war: Es gibt zwischen diesen beiden Städten keine Direktverbindung. Es würde sich etwas zeitintensiver gestalten, zumal wir den Yamagata Shinkansen nicht benutzen und eben keinen Riesenumweg machen wollten. 😉
Hier wenigstens noch ein Foto vom edlen, schnellen Gefährt.

Die einzige direktere Verbindung zwischen den beiden Präfekturs-Hauptstädten war mit mehrfachem Umsteigen verbunden, und für das an sich kurze Stück war ein ganzer, gemütlicher Reisetag einzuplanen. Na dann los.

Zuerst ging es mit dem Lokalzug von Tendō nach Yamagata. Nach nur 20 Minuten hiess es umsteigen in die JR Ou-Main-Line in Richtung Yonezawa. Die Umstiegszeit war mit 30 Minuten grosszügig, was uns aber nicht weiter störte, denn so blieb genügend Zeit für den Bahnsteigwechsel. Im Yamagata war diese mit den Aufzügen aber eh problemlos zu bewältigen.

An sich kann man auch weiter nach Yonezawa und dort umsteigen. Wir hatten aber die Variante über Akayu und die kleine Privatbahn «Yamagata-Railway-Flower-Nagai-Line» gewählt.
Dieser Nebenstrecke hatte vor zwanzig Jahren fast die Stilllegung wegen mangelnder Passagiere gedroht. Ein Zugführer ergriff ohne Wissen seiner Vorgesetzten die Marketing-Initiative, und ihm ist es zu verdanken, dass die Zahl der Fahrgäste für die schöne, ländliche Strecke immer weiter erhöht weden konnte. Die Touristen und Fans kleiner Wanman-Strecken kamen, und inzwischen haben sich die Passagierzahlen auf stabilem Niveau eingependelt.

Der an diesem Tag gut besuchte Waggon war Beweis genug. Sogar ein Fernsehteam war mit von der Partie. Auch wieder gutes Marketing, und wir mögen es dem Bähnchen von Herzen gönnen. Ganbatte kudasai!!

In Akayu hatten wir genügend Aufenthaltszeit: für den Toilettenbesuch, den Kauf des separaten Billets, und – vor allem – die Koffer und Birdys über die Überführung zum anderen Gleis zu schleppen. Denn hier gab/gibt es keine Aufzüge. Gut, waren wir nach drei Wochen bereits ordentlich trainiert. 😉
Der Zug tuckerte los, und es ging auf der eingleisigen Strecke recht gemütlich zu. Für die gut 12 Kilometer braucht es knapp 24 Minuten inklusive der sechs Halte. Eine Fahrt durch sehr ländliches Gebiet, durch die Felder und das überall wachsende Japan-Schilf. Genau nach unserem Geschmack.



An einem Bahnhof waren wir doch sehr überrascht: Da waren Kaki dekorativ zum Trocknen aufgehängt. Ein Hobby des Bahnhofsvorstands? Platz war jedenfalls genug. 😉


In Imaizumi hiess es dann leider schon wieder raus aus dem Flower Liner – und dann war Hektik angesagt. Denn ausgerechnet hier war die Umstiegszeit tatsächlich etwas knapp. Wir mussten auch nochmals Koffer und Birdys über die Überführung schleppen.
Der Bus stand bereits wartend vor dem Bahnhof, und ich flitzte schnell raus, um dem Fahrer zu sagen, dass er bitte auf uns warten sollte, da wir noch ein paar Minuten brauchen würden. Schliesslich hatten wir alles über die Treppen wieder auf Gleislevel und quetschten uns mit allem durch die Kaisatsuguchi, die Bahnhofssperre, nach draussen. Keine Chance für Fotos.
Der Busfahrer war freundlich und hilfsbereit, wir konnten im grosszügigen Reisebus unser Gepäck im grossen Stauraum unterbringen und schon ging es los. Wir waren hier die einzigen Fahrgäste.
Dass die Fahrt mit dem Bus nötig sein würde, hatte uns überrascht. Aber seit August 2022 ist die JR Yonesaka-Line von Imaizumi nach Sakamachi aufgrund der Zerstörungen durch starke Regenfälle nicht mehr in Betrieb. Dazu kann man kaum englische oder deutsche Informationen finden. Also ein weiterer Unterbruch derselben Art wie in Akita und Yamagata. Mit dem japanischen Starkregen ist nicht zu spassen.
Daher hätten wir auch von Yonezawa kommend in den Bus umsteigen müssen.
Inzwischen steht fest, dass JR East die Strecke nicht mehr sanieren möchte, und der Busbetrieb bestehen bleiben wird. Die Re-Investitionen für die ca. 70 km lange und wenig frequentierte Strecke werden als zu hoch und nicht mehr verhältnismässig eingeschätzt. Es gibt Initiativen und Unterschriftensammlungen der anliegenden Gemeinden Niigatas, die Linie wieder zu aktivieren, aber ob es vielleicht doch weitergeht und die Präfekturen die Mittel beisteuern, ist (Stand November 2025) nicht bekannt.
Das Schicksal dieser und auch anderer beschädigter oder stillgelegten Bahnstrecken ist traurig. Die Bewohner:innen sind, insbesondere wenn sie ohne Auto sind, ihrer Lebensader beraubt. Der Bus ist nicht dasselbe.
Dabei hat die Yonesaka Line Route hohes touristisches Potential. Sie verläuft ausgesprochen malerisch durch den südwestlichen Zipfel Yamagatas und den nordöstlichen Niigatas und die schönen Flusstäler des Myozawa und des Arakawa. Die Fahrt dauert knapp eineinhalb Stunden, es geht relativ nah an der Zugstrecke entlang und der Bus stoppt jeweils an den ehemaligen Bahnhöfen oder in deren Fussweite. Immer wieder wird auch die Bahnlinie gequert, die inzwischen, nach mehr als drei Jahren, völlig überdeckt ist von Japans wuchsfreudiger Vegetation.



Bis auf zwei ältere Herren, die nur für zwei, drei Stationen ein- und wieder ausstiegen, blieben wir in diesem grossen, über 60 Plätze umfassenden Reisebus bis zur Endstation alleine.
Wir genossen das Sightseeing, beschauten das beeindruckende Flusstal, die bergige Landschaft und die Dörfer, von denen uns Sekigawa als durchaus sehenswert schien, denn es waren einige historische Gebäude entlang der Strasse zu sehen. Aber auch das ein oder andere, was am zerfallen war…





Die Endstation Sakamachi erreichten wir fast auf die Minute pünktlich. Wir verabschiedeten uns von unserem freundlichen Buschauffeur, und mussten dann ein letztes Mal unser schweres Gepäck über eine Überführung schleppen. Bis zur Abfahrt des Lokalzugs nach Niigata hatten wir dafür aber genügend Zeit.




Nach einer weiteren halben Stunde Zugfahrt erreichten wir dann – nach insgesamt sechs Stunden Reisezeit – den Bahnhof Niigata. Nach der ausgiebigen Sitzerei waren wir froh über den Fussmarsch zu unserem Hotel, welches sich ca. 1,5 km entfernt direkt am Fluss Shinano und der historischen Bandai-Brücke befand.

Thom hatte das Hotel Okura, ein ehrwürdiges, älteres und elegantes Haus mit nostalgischem Charme (das Telefon!!) gewählt und bei der Reservierung angekündigt, dass wir Faltvelos dabei hatten. Nun waren wir gespannt, welche Lösung zum Abstellen sie sich dafür ausgedacht hatten. Denn einen Veloständer gab es keinen, bzw. dieser war ausschliesslich für die Räder des Niigata-Verleihsystems.
An sich hätten sie draussen vor der Türe locker Platz gehabt, aber dies war nicht vorgesehen, denn dort durften nur die grossen, schweren Motorräder parkieren. Undenkbar, dort unsere Velos ebenfalls zu platzieren.
Die Lösung war, dass wir die Velos falten und in der Nähe der Lobby abstellen sollten, wo auch Rollstühle für Gehbehinderte standen. Ich war nicht wirklich glücklich über diesen täglichen Aufwand, aber es war nichts zu machen. Zumal es bedeutete, das Velo in den nächsten Tagen abends falten und morgens wieder entfalten und hin- und herschleppen zu müssen.


Nachdem wir unser Gepäck losgeworden waren, fuhren wir in der Abenddämmerung nochmals los, etwas zum Abendessen zu suchen. Das grosse Glas-Stahl-Gebäude „Media ship“ am einen Ende der Bandai-Brücke ist Sitz der Niigata-Zeitung und wirkte sehr beeindruckend.


Es gab eine Filiale des Kaufhauses Isetan, und deren Lebensmittelabteilung lockte uns mit den Köstlichkeiten, und somit durften wir uns auf ein leckeres Zimmerpicknick freuen. 😋Schöne Aussicht inklusive.

