Wäschewaschen ist notwendig und muss eingeplant werden. Und in Niigata war das nach einer Woche einfach wieder fällig. Ausgerechnet im eleganten Hotel Okura gab es keine Möglichkeit dazu, sprich sie haben keine Waschmaschinen. Aber wir waren vorbereitet und hatten auf Google Maps bei den Reisevorbereitungen einen Waschsalon ganz in der Nähe ausgespäht. Auf Japanisch heisst Waschsalon «Coin Laundry», und so gibt man «コインランドリー» in den Suchschlitz ein, ggf. noch mit dem Orts- oder Stadtteilnamen (auf Japanisch). Zum Glück sind in Japan Waschsalons – wie z.B. auch in Frankreich – recht verbreitet. In der Schweiz, insbesondere in Zürich, muss man ziemlich danach suchen…
Pierrot 574 in Furumachi war sauber und supermodern. Auf der Website kann man sehen, welche der Maschinen belegt sind, es gibt sogar eine App dafür, und an einen zentralen Automaten kann sowohl mit Münz als auch Karte bezahlt werden.





Während unsere Wäsche sich zuerst in den Maschinen und ein Teil anschliessend noch (sorry) im Trockner drehte, schlenderten wir die nahegelegene Einkaufspassage Honcho-dori und schauten etwas herum (leider ohne Kamera). Und bis dann alles wieder ins Hotel gebracht war und wir wieder losziehen konnten, war es später Vormittag.
Das Wetter war sehr bedeckt, es sollte aber trocken bleiben. Unser Ausflugsziel hiess Northern Culture Museum, ca. 10 km südöstlich von Niigata gelegen. Leider ist das Museum mit dem ÖV (Bus) nur sehr schwer zu erreichen. Daher fuhren wir ab Niigata Bahnhof mit der JR Shin-Etsu Line in Richtung Niitsu, stiegen in Ogikawa aus, packten die Velos aus ihren Taschen und radelten los. Die knapp 5 Kilometer lassen sich zur Not auch zu Fuss bewältigen.


Nach je einer Brücke über den Nodaigawa und den Koaganogawa lässt es sich am linken Ufer auf dem Flussdamm gemütlich entlangfahren oder laufen, wobei wir sicherheitshalber auf der schmalen Strasse darunter blieben (man weiss ja nie ob der Weg auf dem Damm nicht plötzlich gesperrt ist…). Wieder auf dem Lande entdeckt man hier und da interessante Dinge, wie z.B. die frischen «Schneeseile» (Yukitsuri) an den Bäumen des kleinen Tempels, die der Fachmann dort gerade befestigte. Worauf wir schlossen, dass auch hier grössere Mengen Schnee im nahenden Winter zu erwarten waren.




Ein prachtvoller Kaki-Baum stand in einem Vorgarten und bot nochmals Gelegenheit, die leckeren Früchte aus nächster Nähe zu fotografieren.


Etwas betrüblicher war der Anblick eines längst zerfallenen Hauses, nebst von der Vegetation zugewachsenen Lieferwagens…


Wir erreichten den kleinen Ort Soumi und mussten erstmal etwas herumkurven um das Museum zu finden. Dieses befindet sich in einer 130jährigen Villa der reichen Händlerfamilie Ito, die das riesige Anwesen bereits 1946 zu einer Stiftung und einem Museum umwandelten. Neben mehreren Gebäuden, einer Vielzahl an Räumen und den schönen Gärten ringsherum lassen sich noch eine stattliche Anzahl an alten Kunstwerken bewundern. Die meisten aus Japan, aber es gibt auch chinesische und koreanische Stücke darunter.














An diesem Tag waren kaum Leute anwesend, und so genossen wir die ruhige, elegante Atmosphäre. Allerdings hatte auch das kleine Soba-Restaurant geschlossen, und so war es auch nichts mit einer friedlichen Mittags- bzw. Kaffeepause. Also machten wir uns nach knapp eineinhalb Stunden wieder auf den Rückweg.


Als wir Ogikawa wieder erreichten, strömten aus der Niitsu Daini Junior High School die Jugendlichen auf die Strasse – ein Meer aus schwarzen Schuluniformen und blau-weissen Schulranzen. Nun hiess es Haltung zu bewahren und höflich durch das Spalier der Schülerinnen und Schüler durchradeln, die uns natürlich sofort ihr «Hallo» zuriefen. Zu einem gewohnten Anblick gehörten wir wohl weniger. 😉

Am Bahnhof packten wir die Birdys dann wieder in ihre Taschen und gingen rasch zum Gleis, denn der nächste Zug zurück nach Niigata würde in wenigen Minuten fahren. Für ein Foto vom Gegenzug reichte es aber noch.

Zurück in Niigata waren wir dann mächtig hungrig, und daher versuchten wir der Einfachheit halber bei den Restaurants in der Bahnhofspassage unser Glück. Und landeten bei «Marugame Seimen» 丸亀製麺, einer japanischen Restaurant-Kette. Dort erhält man frisch zubereitete Sanuki-Udon-Gerichte, und das war uns gerade recht. Keine anspruchsvolle, gehobene Küche, aber gut, nahrhaft und günstig, wie so vieles in Japan.

Gestärkt zogen wir von dannen und hatten nun auch die richtige Grundlage für den nächsten Programmpunkt des Tages, das Sake Tasting in der Ponshukan, ebenfalls im Bahnhof Niigata gelegen.
Dieses grosse, auf Niigata-Spezialitäten ausgerichtete Souvenirgeschäft hatte uns bereits der Sohn unserer Freundin Ikuko empfohlen, und er war genau nach unserem Geschmack. Neben unendlich vielen regionalen Leckereien aus der Präfektur gibt es eben noch die Sake-Abteilung, in der man 120 verschiedenen Niigata-Sake probieren kann, und das sogar vollautomatisiert.
Will heissen, man erwirbt für 500 YEN 5 Tokens, erhält ein Probierbecherchen, und lässt sich dann an den «Zapfsäulen» eine kleine Portion vom Gebräu seiner Wahl heraus.


Es ist durchaus eine Herausforderung, in diesem vielfältigen Angebot seinen Lieblingssake herauszufinden, wenn man nichts kennt. Thom und ich konzentrierten uns daher auf die mit «trocken» markierten Getränke und probieren zudem noch gegenseitig. Was dazu führte, dass wir zwar ziemlich viel miteinander probieren konnten, aber ebenso rasch den Überblick verloren (siehe https://www.ponshukan.com/niigata/kkz/ ) Ein Tipp: Notizbuch nicht vergessen und Fotos machen von dem machen, was schmeckt. 😉
Pro Portion braucht man einen Token, in seltenen Fällen auch mal zwei. Zig Schlucke später hatten wir dann unsere beiden gemeinsamen Favoriten ausgekostet, und marschierten zu den Regalen, in denen man die Flaschen unter denselben Nummern wie jene an den Automaten findet. Ein ziemlich praktisches Geschäftsmodell, und das sahen an jenem Abend nicht nur wir so. 👍

Und das Gute war: Die Ponshukan würde es auch in Nagaoka geben, unserem nächsten Reisestopp. 🤩
So begaben wir uns dann zurück zu unseren Birdys, die im Veloparkhaus auf uns warteten, und radelten gemächlich das kurze Stück zurück ins Hotel. Fahrtüchtig waren wir – dank der Udon-Grundlage – noch durchaus. 😉
Allerdings verwirrte uns dann doch ein blinkendes Polizeiauto, das uns in einer der Nebenstrassen entgegenkam. Was hatte es zu bedeuten? Dem Fahrzeug folgten gut zehn Personen, schweigend, mit Schildern. Es war eine kleine Demonstration, und als wir die Kanji lasen, erkannten wir auch, worum es ging: Die Personengruppe, vornehmlich Leute über 60 Jahren, demonstrierte gegen die Kernkraft und die Wiederaufnahme des Betriebs des weltweit grössten Atomkraftwerks Kashiwazaki-Kariwa (betrieben von TEPCO, der Betreiberfirma des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi…). «原発ゼロ» – Keine Atomkraft. Das Kraftwerk befindet sich knapp 15 km nordöstlich von Niigata an der Küste.

Keine 10 Personen älteren Semesters. In einer 700’000 Einwohnerstadt. Sowieso wird in Japan kaum demonstriert, und in all den Jahren haben wir auch nur wenige gesehen.
Die Kernkraftwerke in Japan werden inzwischen schrittweise wieder hochgefahren. Die neue Premierministerin Sanae Takaichi forciert dies. Auch wenn wir an jenem Abend nur diese handvoll Widerständigen sahen: Ob die lokale Bevölkerung dies ebenfalls begrüsst?