Kiryū – die überraschende Unbekannte

Japanisch/日本語版

Kiryū ist eine – für japanische Verhältnisse kleine – Stadt mit ca. 110’000 Einwohnern im Osten der Präfektur Gunma. Bis auf die Hotspots Kusatsu Onsen und Tomioka taucht der Rest der Präfektur in den westlichen Reiseführern praktisch nicht auf. Auch wir hatten von Kiryū bis zu unseren Reiseplanungen noch nie etwas gehört. Aber das unscheinbare Städtchen ist ebenfalls eine Seidenstadt, und die lokale Seidenproduktion und -verarbeitung hat (oder eher hatte) eine lange Tradition. Seit der Nara-Zeit wird dort Seide produziert und verarbeitet. Auch wenn die einstige Seidentextilindustrie mehrheitlich darniederliegt, so gibt es noch einiges zu sehen. Und während das Unesco-Weltkulturerbe Tomioka alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, scheint Kiryū ein Schattendasein zu führen. Völlig zu Unrecht, wie wir finden.

Auf den Gunma Tourismus-Webseiten fand Thom einen Hinweis. Ein sehr nett gemachtes Video https://www.youtube.com/watch?v=EcIafd4Hjdk (25 Min.) versprach Überraschendes im Hinblick auf die einstige Seidenindustriekultur. Und so nahmen wir die Stadt in unser Reiseprogramm auf. Nachdem wir mit Ikuko-san auf unserer kleinen Frankreich-Reise 2019 die Seidenwebereien in Lyon besucht hatten, waren Tomioka und Kiryū wie eine Fortsetzung unserer damaligen Reise. Also waren wir gespannt.

Am frühen Morgen bewunderten Thom und ich aus unserem Hotelfenster (11. Stock) erst einmal einen pink-orangefarbenen Sonnenaufgang im Osten. Genau in diese Richtung würden wir heute fahren (Kiryū liegt ungefähr in der Bildmitte). Und der Tag versprach wie der gestrige schön und warm zu werden, sogar Temperaturen von 20 °C waren vorausgesagt – perfektes Frühlingswetter für unseren Ausflug!

Erst einmal gab es das mit allen Sicherheitsvorkehrungen versehene Frühstück im Speisesaal des Hotels: Desinfektionsmittel am Eingang, vorbereitete Bento-Boxen. Alles, was man sich noch ergänzend dazu nehmen konnte, war mit Folie eingepackt. Aber alles war frisch und gut, und so gingen wir gestärkt zum Bahnhof und fuhren mit dem nächsten Zug der Ryomo Line nach Kiryū. Die Fahrt dauert gut 30 Minuten.

Erstes Besichtigungsziel war die Kiryū Textile Memorial Hall, vom Bahnhof knapp 10 Minuten Fussweg nach Norden.

Im Erdgeschoss des alten Gebäudes befanden sich zwei Shops, und wir fragten uns erst einmal, ob das alles gewesen sei. Bis wir dann im 1. OG das Textilmuseum betraten, wo die beiden Aufsichten uns begeistert begrüssten, und uns die Geschichte der Seidenweberei sowie die ausgestellten, alten Webstühle zeigten und erklärten.

Dank unserer Frankreich-Reise kannten wir bereits viele Details. Insbesondere die in der Meiji-Zeit eingeführten Jacquard-Webstühle waren uns natürlich ein Begriff. Mit ihnen wurden/werden auch die wunderbaren Kimono-Seidenstoffe gewebt, die ebenfalls ausgestellt waren. Auch einen informativen Film auf DVD zur Geschichte der Seidenindustrie in Kiryū konnten wir uns anschauen. Die freundliche Aufsicht strengte sich mächtig an und kam ins Schwitzen als sie mehrfach probierte, die englischen Untertitel zu aktivieren, damit wir beide das alles verstehen konnten. Aber sie war erfolgreich. 😊

Zu unserer nächsten Station waren es ca. 15 Minuten zu Fuss, und wir liefen durch weitgehend menschenleere Strassen weiter nach Osten. Das «Yukari Textile Museum»   ist ein alter, privater Seidenproduktionsbetrieb, der besichtigt werden kann.

Es hat auch ein für die Kiryū Seidenbetriebe typisches Sheddach. Auf Japanisch heisst dieses «nokogiri yane» (鋸屋根), Sägedach, wegen des gezackten Aussehens. Auch das Kiryū -Maskottchen hat ein dementsprechendes Aussehen.

Gemeinsam mit einer weiteren Besucherin, einer jungen Frau, bekamen wir auch dort eine Einführung in die einstigen Textilproduktion und durften sogar selbst (nach Anleitung) ein bisschen Webtechnik ausprobieren. Und in einem Gebäudeteil war noch eine Indigofärberei zu sehen.

Zur nächsten Seidenweberei, Gotō Orimono, mussten wir zuerst den Postboten fragen, denn ohne richtige Karte und im Häusergewimmel war es nicht so einfach, die etwas versteckte Manufaktur zu finden. Gotō Orimono hatte ich zu meinem persönliche Highlight erwählt, aber bereits in der Kiryū Textile Hall hatten sie uns darauf hingewiesen, dass es zur Besichtigung des Familienbetriebs eigentlich einer Anmeldung bedurft hätte. Ich war ziemlich enttäuscht, denn das hatte ich auf der japanischen Website natürlich nicht gesehen. Trotzdem liefen wir nun hin, und die junge Frau aus Tokyo trafen wir am Eingang wieder. Auch sie hoffte auf eine Besichtigung, wie sie uns verriet.

Und wir hatten Glück: Im Hof stand ganz zufällig der Inhaber der Firma. Er war zwar etwas überrascht, insbesondere da es um die Mittagszeit war, aber er war zu einer Führung bereit und wir konnten die wunderbare alte Manufaktur besichtigen.

Das beeindruckende alte Holzgebäude mit dem Sheddach stand zwar mehrheitlich leer, jedoch war noch einer der Jacquard-Webstühle in Betrieb, und wir konnten zusehen, wie ein kostbarer Kimono-Stoff unter den wachsamen Augen einer älteren Frau Stück für Stück entstand. Ich war selig… Auch weil ich ein Video aufnehmen konnte.

Ebenso nachdrücklich waren die Paletten voller Jacquard-Lochkarten für die zahlreichen Stoffe, die daraus gewebt werden konnten. Ob sie das Ende der Firma überleben werden?

Bei der Vorstellung, dass diese alte Webkunst und die Seidenindustrie irgendwann in naher Zukunft wohl nicht mehr existieren werden, konnte einem nur Weh ums Herz werden.

Abschliessend wurden wir noch in den schönen Garten rund um die Fabrik geführt.

Inzwischen war es schon halb zwei Uhr, und wir hatten langsam Hunger. Genau der richtige Zeitpunkt, um das auf Google recherchierte Tofu-Restaurant aufzusuchen, was von der Goto-Firma nicht allzu weit entfernt lag. Zum Glück kamen wir noch rechtzeitig und schwelgten bald darauf in den wunderschönen Räumlichkeiten einer alten Seidenfabrik in den Köstlichkeiten eines Tofu-Menüs.

Es war so superlecker, und wir waren rundum zufrieden. Was für eine Entdeckung! Kiryū war wirklich ein Volltreffer!

Ziemlich gesättigt machten wir uns wieder auf zurück zur Hauptstrasse, an die sich die zahlreichen historischen Gebäude und Läden entlangreihen. Auf dem Weg dorthin gab es noch einen ausgedehnten Fotostopp an einem Kinderpark/Spielplatz, der von üppig blühenden Sakura umringt war.

Wir erreichten die Hauptstrasse (Honmachidori) und staunten gleich wieder, denn wir standen plötzlich vor dem «Dorf Bäcker» – eine deutsche Bäckerei! Ein Blick ins Schaufenster zeigte: Da war ein Profi am Werk. Ikuko-san und ich mussten hineingehen. Es gab Vollkorn- und Roggenbrot, Brezeln und weitere Leckereien, und Ikuko-san kaufte etwas zu mitnehmen. Die freundliche Verkäuferin erklärte uns auf Anfrage, dass der Inhaber vor 30 Jahren in Deutschland gelernt hatte. Daher sah alles auch so vollkommen authentisch aus. Kiryū: 12 Punkte!

Entlang der langen Strasse gab es noch zahlreich alte Gebäude und Geschäfte aus der Edo- und Meiji-Zeit zu sehen. Und auch eine der wohl kleinsten Mitsukoshi-Filialen Japans. 😉

Auch der Tenmangu Schrein liegt an der Honmachidori, für uns war es die letzte Sehenswürdigkeit des Tages. Auch hier waren wir erneut überrascht, denn die Fassade des Hauptgebäudes, dass aus dem Jahr 1789 stammt, besteht aus kunstvollen, schönen Holzschnitzereien, wie man sie nicht oft sieht. Auch eine kleine Nō-Bühne steht gleich daneben.

Es war inzwischen halb fünf Uhr geworden und langsam mussten wir uns auf den Rückweg machen. Da wir mit der kleinen Privatbahn der Jōmō -Line zurückfahren wollten, liefen wir zum Bahnhof Nishi-Kiryū, der etwas nördlich des JR-Bahnhofs liegt. Unser zwanzigminütiger Spaziergang führte uns nochmals durch andere Strassen, und auch nochmals am ein oder anderen alten Gebäude oder Betrieb vorbei.

Und wir kamen auch an einem „Trunk Room“ vorbei. In Japan spriessen diese kleinen oder grösseren Lagerraum- bzw. „Self Storage“-Unternehmen wie Pilze aus dem Boden. Offenbar scheint es einen Bedarf zu geben. Vor einigen Jahren hatten wir so etwas noch nicht gesehen.

Am hübschen Bahnhof hatten wir gerade noch Zeit, etwas zu trinken zu kaufen – und natürlich auch die Fahrkarten. Diese scheinen noch aus dem früheren Jahrhundert zu stammen: Ein Zettel mit vielen Zahlen, der in kunstvoller Weise von der Verkäuferin gelocht wurde. Ikuko-san war sehr verblüfft und meinte, das hätte sie seit ihrer Jugend nicht mehr gesehen… 😉 Für uns war es gar nicht so aussergewöhnlich. Da wir als «Ferrophile» auf unserer Japan-Reisen solche antiken Bähnchen liebend gerne nutzen, hatten wir schon öfters originelle Fahrscheine (s. Blogeintrag Hirado).

Im Zug wies uns Ikuko-san nochmals auf eine Besonderheit hin: Auf der Jōmō-Line durfte man Fahrräder im Zug mitführen. Sie hatte Recht: Dass man sein Fahrrad/Velo unverpackt in den Zug nehmen darf, ist sehr selten. Wir merken uns das gerne für den nächsten Besuch vor. 😊

Als wir in Chūōmaebashi ankamen, der Endstation der Jōmō-Line, war die Sonne gerade untergegangen. Der leere Touristenbus brachte uns drei zum Bahnhof und zum Hotel zurück. Nach dem üppigen Mittagessen konnte das Abendessen getrost gestrichen werden, und so liessen wir den Tag und den letzten Abend zusammen bei Bier und Reiscrackern ausklingen.

Morgen war Abschied angesagt. Ikuko-san musste zurück nach Ehime. Schluchz. Aber wir konnten wirklich froh sein, hatte unser Treffen trotz den widrigen Umständen stattfinden können. Und dass wir noch so viel hatten unternehmen können war ein grosses Glück. Wann würden wir uns das nächste Mal wiedersehen?

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Japanisch/日本語版

朝、郁子さんと食堂で会います。新型コロナウイルスなので三週間前のホテルのメールによると朝ご飯を止めるそうです。多分、郁子さんは色々の電話したし、前橋にあまり喫茶店がないし、それで今ホテルは朝ご飯を差し上げることができます 。おいしいです。可能性があったから、良かったです。
今日、桐生市に行く予定です。群馬県の製糸業にかんする絹織物の名所が多いですから、楽しみにしています。桐生地方で奈良時代から絹織物を作ります。どうしてあの伝統豊かな絹織物の町より富岡製糸場ほうが有名なのか、分かりません。
前橋駅から桐生まで行く電車は8時50分に出発します。もう一度春の晴れの日ですから、桜が見られるでしょう。
JR両毛線で走行は40分かかります。到着後、最初に桐生織物記念館を見に行きます。いろいろな古い織機や絹を見るのは面白いです。そして博物館のガイドは歴史の説明してくれます。日本語で。😉
次の所は紫織物参考館です。あの古い織物工場でも織機を見て、作製の説明もして貰いました。更に日本で初めてのこぎり屋根を見ます。あの屋根は桐生に多くて、典型的な事ものです。
歩いて10分の近くにある別の工場は後藤織物です。あの同族経営は閉まっているようですが、行きたいです。幸いに社長がいますから、工場見物できます。私に後藤織物は桐生でハイライトでしたから、とても嬉しいです。古いのこぎり屋根工場で絹を作っているジャカード織機はとても印象的です。短いヴィデオをとります。あの伝統的な絹織物作製はだんだん絶えるのは本当に残念だと思います。
今は一時半ですから、お腹がすきました。グーグルで見つけた豆腐のレストランに行って、とても美味しい昼ご飯を食べます。このレストランも古いのこぎり屋根工場の中にあります。
続いて桐生の本通りでいろいろな歴史的な建物や神社を見に行きました。児童公園に通り掛かるとき、きれいな桜があります。ですから私達はたくさん写真を取ります。本通りで古い江戸時代の建物があるし、伝統的な店もあるし、それにドイツのパン屋もあります。びっくりしましたから、店に入ります。ドイツのパンは伝統的で美味しそうですから、郁子さんはパンを買います。「パン屋さんは30年前ドイツでパンの作り方の勉強した」と店員は言いました。桐生市に本当に面白い場所がありますよ。😉
神社に着いたとき、もう一度びっくりします。桐生天満宮は1789年に建てられました。印象的な木彫りが見られます。小さい能舞台もあります。
午後4時半ですから、そろそろ帰らなければなりません。別な名所を見るのはできませんから、残念です。上毛電気鉄道で前橋にもどりたいですから、速く西桐生駅に歩きます。ワンマン電車で長く時間がかかるのにいい走行です。前橋に到着したら、日暮になります。
明日、郁子さんは出発します。ですから私達の最後の晩です。昼ご飯は一杯食べましたから、ホテルの部屋で会ったり、ビールを飲んだり、煎餅を食べたり、話したりします。コロナウイルスなのに今年再会できたのはとてもうれしかったです。次の再会はいつでしょうか。

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