
Nachdem es in Niigata am Abend nochmals tüchtig geregnet hatte, war das Wetter am Sonntag (02.11.) wieder eitel Sonnenschein.

Wir hatten einen stressfreien Tag vor uns, denn wir blieben in der Präfektur, und zu unserer nächsten Station Nagaoka war es nicht weit. So genossen wir nochmals das leckere japanische Frühstücksbuffet im Hotel, wo wir sogar noch mit einem «amerikanisierten japanischen» Paar ins angeregte Plaudern kamen – dies allerdings der Einfachheit halber auf Englisch, denn die Themen reichten von Politik (Trump! 😩) bis zur Geschichte Japans. Was sich eben in gut 30 Minuten anreissen lässt. Das Paar war um die sechzig und in den 70er Jahren in die USA immigriert. Sie besuchen Japan regelmässig, aber vom Verhalten und der Kommunikation sind sie inzwischen mehr Amerikaner als Japaner. Ihre freundliche Direktheit und Offenheit empfanden wir als sehr erfrischend, und so war es eine spannende Begegnung, die uns angenehm im Gedächtnis geblieben ist.
Für die kurze Reise hatten wir uns für einen gemächlichen Regionalzug der Shin-Etsu-Line entschieden, der für die ca. 60 Kilometer etwa 1,5h benötigte. Der Joetsu Shinkansen schafft das in 20 Minuten, es kostet dann aber auch dreimal so viel. Irgendwo muss man ja mal anfangen zu sparen. 😉
Nach der Ankunft in Nagaoka deckten wir uns bei der freundlichen Touristeninformation mit allerlei Prospekten für die kommenden Tage ein, und begaben uns dann ins nahegelegene Hotel New Otani, bzw. gaben unsere Koffer ab, denn für den Zimmerbezug war es natürlich noch viel zu früh. Sowieso dauerte es etwas, denn mit der Buchung war irgendetwas schiefgelaufen, und unsere Reservation war nicht auffindbar. Zum Glück gab es aber noch ein Doppelzimmer für die nächsten Tage. Nicht auszumalen, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre. 🫤 Was da genau passiert war, liess sich nicht mehr herausfinden.
Jedenfalls hatten wir eine Unterkunft für die nächsten Tage, wie geplant.
Anschliessend packten wir unsere Birdys aus und düsten los, denn das Nachmittagsprogramm war schon längst geplant: Ein Besuch des Niigata Prefectural Museum of Modern Art. Dieses liegt etwa 4 km entfernt auf der anderen Seite des Shinano Flusses. Also radelten wir zuerst Richtung Nordwesten durch die Wohngebiete, und dann ein Stück dem Flusslauf des Shinano entlang bis zur grossen Brücke, die man dann Richtung Westen überqueren kann.


Das Museum ist ähnlich gestaltet wie andere, die wir bereits kennengelernt hatten: Ein funktionaler 70er-Jahre-Bau in einem grosszügigen, modernen Park. In der Nähe befindet sich auch ein Krankenhaus, das Kongresszentrum sowie ein Einkaufscenter. Alle natürlich mit sehr grossen Parkplätzen drumherum.

Überraschenderweise muss man sich in dieser Gegend nicht vor Bären in Acht nehmen, sondern vor anderen wilden Tieren. Auch Wildschweine können gelegentlich gefährlich werden. 🤨


An diesem Sonntag ging es im Museum lebhaft zu, vor allem die vielen Kinder überraschten uns. Des Rätsels Lösung: In der aktuellen Sonderausstellung ging es um das Thema «Geister» (jap. Obake, オバケ), kindergerecht gestaltet. Die Ausstellung für den perfekten sonntäglichen Familienausflug.

Die teilweise interaktive Ausstellung war ganz lustig, jedoch erschloss sich uns aber nicht wirklich umfänglich, da wir uns bislang noch nicht wirklich über Verhältnis der Japaner zu Gespenstern und Geistern beschäftigt hatten… 😉 Drum zog es uns dann rasch in die Sammlung, die aber mit nur drei grösseren Sälen japanischer und westlicher Kunst an diesem Tag auch eher überschaubar blieb.
Der Shop bot dann noch einiges Anschauungsmaterial, primär kindgerecht, wobei mir die Barbapapa-Merchandising-Artikel doch einen nostalgischen Moment bescherten. Die «Barbapapas» – auch meine Lieblingsserie meiner Kindheit in den 70ern! Dass die immer noch populär sind (auch in Japan) hat mich überrascht. Hier die ersten 10 Folgen auf Japanisch: https://www.youtube.com/watch?v=9V8GVNIYjYA Gut verständlich. 😉

Also machten wir uns wieder auf den Rückweg ins Zentrum, mit einem kleinen Abstecher zu einer lokalen Sehenswürdigkeit, welche sich bereits gut sichtbar von Weitem präsentierte.

Wir überquerten also wieder den Shinano Fluss, der sich uns im spätnachmittäglichen Licht und der zunehmenden Bewölkung sehr malerisch darbot.

Nach der Brücke bogen wir ab auf den Damm, und etwa 500 m flussaufwärts befindet sich der «Suidō Park», einem geschützten Ensemble eines alten Wasserwerks mit alten Wasserturm (Suidō Tank) und Betriebsgebäude von 1927 (Showa 2) im Art Deco Stil. Betreten konnte man die Gebäude nicht (zumindest nicht an diesem Tag).


Da das Wetter immer mehr zuzog radelten wir weiter, entdeckten noch hier und da ein fotogenes Objekt, und erreichten dann wieder den Bahnhof, wo wir unsere Velos trocken, sicher und gratis in der grossen, unterirdischen Velostation abstellen konnten. Wir würden sie heute (und auch am nächsten Tag) nicht mehr brauchen.



Zurück im Zentrum und im Hotel konnten wir nun unser Zimmer beziehen. Es war halb fünf Uhr nachmittags und wir waren – ohne grösseren Mittagssnack – nun ziemlich hungrig. Die Spezialität von «Uonuma», der hiesigen Gegend, ist «Hegi-Soba»: Buchweizennudeln, die mit Algen-Bindemitteln hergestellt werden. Schnell hatten wir ein entsprechendes Restaurant in der Nähe recherchiert: Nagaoka Kojimaya. Und wir wurden nicht enttäuscht: Lecker, und auch voll vegi. Sehr empfehlenswert!! 😋

An den nächsten beiden Tagen würden wir in der Umgebung unterwegs sein (Tōkamachi, siehe separate Blogbeiträge), und so hatten wir erst wieder am Abfahrtstag (05.11.) Zeit für eine kleine Runde in der Stadt. Nagaokas Stolz ist (unter anderem) eine historische, ebenfalls den Shinano-Fluss überquerende Stahlbrücke von 1937, eine Meisterleistung der Ingenieurskunst. Mit dem Velo radelt man ca. 10 Minuten, einige Stadtbusse fahren in die Richtung.
Die Chiyosei-Brücke feierte in diesem Jahr ihren 88. Geburtstag und wurde daher renoviert, was uns eine gemütliche und vom Verkehr unbeeinträchtigte Fahrt ans andere Ufer bescherte. Da es dort nicht viel zu sehen gab, kehrten wir auch gleich wieder zurück – zum Erstaunen der Aufseher, die dort beschäftigt waren.




Nagaokas andere «Spezialität» sind übrigens Feuerwerkskörper. Diese werden – in gigantischer Grösse – zu den entsprechenden Anlässen über der malerischen Brücke gezündet. Es sieht tatsächlich so aus wie die grafische Darstellung! Wäre toll, das mal zu sehen.

Zurück im Zentrum widmeten wir uns noch dem «Aôre Nagaoka», der City Hall Plaza. Wir haben ja bereits über diese vielfältigen und unterschiedlich gestalteten Gemeinde- und Stadtzentren in Japan berichtet. Diese hier war aber durch seine Grösse besonders beeindruckend: Ein gewaltiger, moderner Komplex von Kengo Kuma mitten im Zentrum Nagaokas, nur ein Steinwurf vom Bahnhof entfernt.





Dies war auch das Konzept: Das Zentrum sollte wieder belebt werden, daher sind dort das Rathaus und Bürgerzentrum untergebracht, sowie das Stadttheater und die grosse Sportarena, der Heimat von Nagaokas Basketballteam «Niigata Albirex». Ab und zu wird sie auch noch zur Multifunktionshalle, etwas für die lokale Kunstausstellung.

Die hohe Überdachung über den drei Gebäuden ermöglicht Veranstaltungen, Märkte und weitere Aktivitäten zu jeder Jahreszeit. Alles mit überdimensionaler Wirkung. So dass ein grosser Thom plötzlich ganz klein wirkt. 😉
